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Titel: Das große Ablenkungsmanöver – Millionen gegen Rechts, wie viele gegen Krieg und Aufrüstung?
Datum: 26. Februar 2025 um 10:15 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Aufrüstung, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Strategien der Meinungsmache
Verantwortlich: Redaktion
Über eine Million Menschen demonstrierten seit Jahresbeginn bereits „Gegen Rechts!“ und „setzten ein Zeichen“. Damit betreiben sie mit umgekehrten Vorzeichen dasselbe Geschäft wie die Parteien, die nur noch das Thema „Migration“ fokussieren: Sie machen die Kriegsgefahr in Europa und die kommende grandiose Aufrüstungswelle vergessen. Von Leo Ensel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
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„In einer Umfrage im Auftrag der Welt am Sonntag ergab sich für die Bundestagswahl folgende Reihenfolge der wichtigsten Themen: 31 Prozent ‚Migration‘, 26 Prozent ‚Wirtschaftliche Entwicklung und Inflation‘, 16 Prozent ‚Soziale Sicherheit‘ und 11 Prozent ‚Kriminalität und innere Sicherheit‘.“ So hörten wir es am 10. Februar in der Anmoderation eines Interviews mit SPD-Generalsekretär Matthias Miersch im Deutschlandfunk.
Moment mal: War da nicht noch was?
Doch, doch – ganz vergessen: Das Thema „Ukrainekrieg“ landete zusammen mit dem Thema „Bildung“, beide mit jeweils vier Prozent, abgeschlagen auf dem letzten Platz. Eigentlich verständlich. Schließlich geht es ja nur um Krieg und Frieden!
Woke Wellness-Events …
Szenenwechsel.
„Seit Jahresbeginn haben mindestens 1.523.000 bundesweit gegen rechts demonstriert“, jubelte die taz am 9. Februar. Allein in München sollen es am 8. Februar laut Zeit mehr als 250.000 Menschen gewesen sein. („Die Veranstalter sprachen sogar von 320.000 Teilnehmenden.“) Am Samstag zuvor zählte man in Berlin zwischen 160.000 und 250.000 Menschen. Auch Städte wie Hannover, Bremen, Nürnberg, Gießen und Bielefeld brachten es auf fünfstellige Zahlen.
Überall sehen wir „Teilnehmende der bürgerlichen Mitte“, nicht selten zusammen mit „linken Gruppierungen“, auf dem Wege zu einer bunten, vielfältigen Volksfront. „Anständige“ proben den Aufstand, „Omas“ setzen Zeichen, Kirchenvertreter aller Religionen und Konfessionen erteilen ihren Segen, Künstler nehmen ihre soziale Verantwortung wahr, junge Klimaschützer bleiben diesmal mobil, prominente und weniger prominente Lokal- und Spitzenpolitiker schließen sich gerne in vorderster Reihe an. Vergangenes Jahr sollen es insgesamt rund drei Millionen gewesen sein. – Muss man also wirklich „um den Schlaf gebracht“ sein, wenn man heute „an Deutschland in der Nacht“ denkt?
Nicht unbedingt jedenfalls, was den bunten generationenübergreifenden „Kampf gegen Rechts!“ angeht.
Zugegeben: Als Friedensbewegter – genauer: Als jemand, der das nun schon fast drei Jahre währende wechselseitige Töten und Sterben in der Ukraine, die westliche Totalverweigerung in Sachen Diplomatie und Deeskalation und die immer rasantere Aufrüstung einfach nicht ertragen kann – erblasst man vor Neid! Der Verfasser dieser Zeilen nahm an allen drei bundesweiten Friedensdemonstrationen der vergangenen beiden Jahre in Berlin teil, von denen es die größte – sehr, sehr wohlwollend gerechnet – auf maximal ein Fünftel der Menschen brachte, die kürzlich allein in München demonstrierten. Nirgends auch nur annähernd solche Menschenmassen! Erst recht nicht in solch bunter Vielfalt.
By the way: Anfang vergangenen Jahres war ich auch auf einer gut besuchten Demonstration „Gegen Rechts!“ und „Für eine solidarische, weltoffene Gesellschaft!“ in meiner Heimatstadt. Das Grußwort hielt der Oldenburger Oberbürgermeister persönlich. Als man mich später fragte, welche der vier Demonstrationen ich denn am schönsten gefunden hätte, da konnte ich nicht umhin zu antworten: „Die ‚Gegen Rechts!‘“ Der Grund ist simpel: Es war von allen Demos die einzige, bei der mir keiner den Vorwurf machen konnte, an einer „rechtsoffenen Veranstaltung“ teilgenommen zu haben …
So gesehen, war die Oldenburger „Gegen Rechts!“-Demo die für mich mit Abstand harmloseste. „Zivilcourage“ legte ich keine an den Tag, dieser hätte es eher bedurft, dort nicht zu erscheinen. Schließlich hätte ich es mir dann vielleicht mit einigen langjährigen Freunden gründlich verscherzt. (Zivilcourage bedeutet ja lediglich den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Über die inhaltliche Position selbst sagt dieser wohlklingende Begriff gar nichts aus. Nicht jeder, der „Zivilcourage“ für sich in Anspruch nimmt, befindet sich deshalb schon automatisch auf der ‚moralisch richtigen Seite‘!)
Gewalttätige Übergriffe von Nazis hatte ich ebenfalls nicht zu befürchten. Die waren und sind in unserer Stadt weit und breit nicht in Sicht. Und die hier auch nicht sonderlich stark vertretenen AfD-Leute – die Partei hat im Rat der Universitätsstadt nicht mehr als einen Vertreter – hielten sich angesichts unseres anständigen Aufstandes bedeckt. Wir „setzten ein Zeichen“ und fühlten uns wohl im großen bunten Biotop. Wieder mal hatten wir es dem gemeinsamen Gegner, der hier im dreidimensionalen Raum ein reines Phantom blieb, ordentlich gegeben.
Kurz: Anti-Rechts-Demos unter solchen Rahmenbedingungen sind nichts anderes als wohlfeil-woke Wellness-Events mit regierungsamtlichem Segen!
… und graue Rentnerbands
Gegen die akute Kriegsgefahr und die uns ins Haus stehende atemberaubende Aufrüstungswelle, inklusive „Nachrüstung 2.0“, allerdings kämpft man überwiegend als graue, von der Marginalisierung bedrohte Rentnerband. (Kommt nicht bald von hinten Substanzielles nach, sind wir ‚die Letzten unserer Art‘.) Anders als den rührigen „Omas gegen Rechts“ bleibt uns „Opas und Omas gegen Krieg“ die Unterstützung der jüngeren Generationen – insbesondere der Woken und Klimaschützer – weitestgehend versagt.
Und es braucht auf den letzten Lebensmetern sogar tatsächlich (ein klein wenig) „Zivilcourage“! Nein, man kann nicht mehr gekündigt werden, auch die Rente steht nicht zur Disposition und man wird erst recht nicht – wie in den beiden Ländern, die gerade „hinten weit in der Ukraine aufeinander einschlagen“ – für sein Friedensengagement eingeknastet. Aber es kann schon mal die ein oder andere jahrzehntelange Freundschaft dabei draufgehen (paradoxerweise nicht selten ausgerechnet solche aus den friedensbewegten Achtzigerjahren), wenn man auch als sich ‚links fühlender‘ Mensch an einer angeblich „rechtsoffenen“ Veranstaltung teilnimmt. Will sagen: an einer Friedensdemo, bei der irgendwo noch vier, fünf AfD-Sympathisanten mit rumlaufen.
Aber hat sich das Thema nicht bereits irgendwie erledigt? Angeblich regelt das für uns ja jetzt Donald Trump zusammen mit seinem russischen Counterpart. Allerdings um den Preis, uns Europäern, parallel zu einer – möglicherweise ernsthaft angestrebten – Beendigung des wechselseitigen Tötens und Sterbens in der Ukraine, die gigantischste Aufrüstungsoperation seit dem Zweiten Weltkrieg aufzuzwingen!
Das große Ablenkungsmanöver
Und doch zeichnet sich gerade beim Kriegsthema im öffentlichen Diskurs eine merkwürdige, geradezu gespenstische ‚Entspannung‘ ab: Dass der kommende Kanzler noch vor Kurzem Taurus-Marschflugkörper an die Ukraine liefern wollte (und damit russische Vergeltungsschläge auf unser Land provoziert hätte), dass er die vom scheidenden Kanzler eingefädelte erneute Stationierung von Mittelstreckenraketen und Cruise Missiles fröhlich umsetzen (und damit russische Präventivschläge auf unser Land provozieren) wird, dass bereits jetzt Schwarz, Rot und Grün die neue Aufrüstungsrunde klaglos mittragen, dass alle längst unisono via „Operationspläne“ und „strategische Kommunikation“ unsere Gesellschaft tagtäglich auf „Kriegstüchtigkeit“ trimmen – alles schon vergessen! Stattdessen hat Merz die größte aller möglichen Sünden begangen: Er hat die „Brandmauer“ gegen die AfD aufgeweicht. Und deswegen kämpfen wir jetzt gemeinsam nur noch „Gegen Rechts“.
Kommen wir nochmals zur Ausgangsmeldung zurück und stellen wir sie dem beeindruckenden zivilgesellschaftlichen Engagement, dessen Zeugen wir gerade sind, gegenüber, so stellt sich etwas Verblüffendes heraus: Die Parteien, die in der Endphase des Wahlkampfs fast nur noch auf das Thema „Migration“ fokussieren (also alle), die Bürger, denen dieses Thema mit Abstand am Wichtigsten ist und die Menschenmassen, die jetzt überall „Gegen Rechts“ auf die Straße gehen, betreiben allesamt dasselbe Geschäft:
Sie lenken ab von der mit Abstand größten Gefahr – einem neuen heißen, bestimmt aber kalten Krieg und einer grandiosen, unseren Planeten auch ‚friedlich‘ bedrohenden Aufrüstungswelle, gegen die weder eine ‚grüne Energiewende‘ noch ein Elektroauto, erst recht jedoch keine Wärmepumpe mehr etwas ausrichten werden!
Mit freundlicher Genehmigung von Globalbridge.
Titelbild: FooTToo/shutterstock.com
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