„Rund 900.000 russische Soldaten in der Ukraine getötet oder verletzt“ – so lautet die Überschrift eines aktuellen Spiegel-Beitrags. Der Artikel beruht auf einer dpa-Meldung, die von zahlreichen Medien aufgegriffen wird. Was der Öffentlichkeit serviert wird, ist jedoch kein Journalismus, sondern Propaganda. Warum? Von Marcus Klöckner.
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Die Frage nach den Opferzahlen im Ukraine-Krieg ist elementar. Doch verlässliche Zahlen zu bekommen, ist schwierig. Im Krieg sollen bestimmte Fakten und Wahrheiten der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Die Angaben zu getöteten und verwundeten Soldaten gehören dazu. Keine der an dem Krieg beteiligten Seiten hat ein Interesse, an dieser Stelle mit offenen Karten zu spielen. Schließlich: Je höher die nach außen kommunizierten eigenen „Verluste“ sind, umso schwieriger wird es, in der eigenen Bevölkerung die Kriegsbereitschaft hochzuhalten. Auch für den Westen, der sich als „Unterstützer“ der Ukraine inszeniert, sind hohe ukrainische Todes- und Verlustzahlen ein Problem. Denn auch in den Unterstützerländern ist davon auszugehen, dass bei einem großen „Schadensbild“ die Bevölkerung zu der Einsicht gelangt: Es reicht mit Waffenlieferungen!
Nun geht also eine Meldung durch die Medien, in der von 900.000 getöteten und verletzten russischen Soldaten die Rede ist. Die Meldung stammt von der Nachrichtenagentur dpa und wurde von einigen Medien redaktionell bearbeitet. Die Angaben beruhen, wie es in dem Spiegel-Artikel heißt, auf den Aussagen eines „ranghohen Nato-Beamten“. Er sprach „am Rande eines Außenministertreffens in Brüssel von bis zu 250.000 Toten“.
An dieser Stelle soll es nicht darum gehen, ob diese Angaben stimmen. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass jede Seite im Sinne der Propaganda versucht, die Verluste des Gegners größer darzustellen, als sie sind, während die eigenen Verluste nach unten gerechnet werden. Aber lassen wir das mal beiseite. Unabhängig davon, ob diese Zahlen korrekt sind oder nicht: An dieser Meldung ist etwas anderes bemerkenswert. Zur journalistischen Sorgfaltspflicht gehört es, umfassend zu berichten. Dazu gehört, dass in der Meldung auch Angaben zu den ukrainischen Opferzahlen angeführt werden. Die Formulierung „ukrainische Soldaten“ kommt in der vom Spiegel veröffentlichten Meldung genau null Mal vor! Anders gesagt: Nirgends in dem Beitrag sind Angaben zur Anzahl der ukrainischen Opfer zu finden. Gibt es die nicht?
Natürlich muss in diesem Krieg auch von hohen Opferzahlen auf ukrainischer Seite ausgegangen werden. Unabhängig davon, ob die von dem NATO-Beamten gelieferte Zahl von 900.000 nun stimmt oder nicht: In Anbetracht des Frontgeschehens, des Stellungskrieges usw. kann davon ausgegangen werden, dass die Verluste auf beiden Seiten ähnlich groß sind. Sollten die Angaben des NATO-Vertreters stimmen, könnte die Gesamtzahl russischer und ukrainischer Soldaten, die getötet oder verletzt wurden, auf zwischen 1,5 bis 2 Millionen geschätzt werden. Hinzuzuzählen wären auch noch die traumatisierten Soldaten. Selbst wenn diese Zahlen stark nach unten korrigiert werden müssten: So oder so ist es eine furchtbare Tragödie.
Dass in der Meldung die ukrainischen Opferzahlen nicht angeführt werden, ja, noch nicht einmal in einem Halbsatz erwähnt wird, dass es schwer ist, an verlässliche Zahlen ranzukommen, ist journalistisch untragbar. Durch das Weglassen werden die ukrainischen Opfer ausgeblendet.
Warum ist das so?
Wie angesprochen: Für die NATO-Länder ist es politisch heikel, hohe ukrainische Verlustzahlen zu präsentieren. Der Politik passt das nicht. Journalismus hat sich aber nicht daran zu halten, was der Politik gefällig ist. Uraufgabe von Journalisten ist, „sichtbar zu machen“, oder, um Spiegel-Gründer Rudolf Augsteins altes Journalistenmotto zu bemühen: „Sagen, was ist“. Wenn der Spiegel schon über russische Verlustzahlen spricht, muss er auch ukrainische Verlustzahlen anführen. Das ist nicht der Fall. Die dpa-Meldung ist in der präsentierten Form als politisch, und somit als propagandistisch kontaminiert zu betrachten.
Titelbild: Jose HERNANDEZ Camera 51/shutterstock.com