Ein aktueller Artikel der New York Times, verfasst von Adam Entous, offenbart auf schockierende Weise die operative Tiefe der US-amerikanischen Kriegsführung in der Ukraine – und entlarvt zugleich das jahrelange Narrativ vom „Stellvertreterkrieg“ als bewusste Täuschung. Doch statt diesen Skandal als solchen zu benennen, feiert die Zeitung den massenhaften Tod junger Ukrainer als strategisches Kalkül. Der Artikel ist nicht nur ein journalistisches Dokument, sondern ein moralisches Desaster – es ist ein Mahnmal einer entgrenzten Kriegsführung, die jedes menschliche Maß verloren hat. Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.
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Am 29. März 2025 veröffentlichte die New York Times unter der Feder von Journalist Adam Entous den Artikel „The Partnership: The Secret History of the War in Ukraine“ (Die Partnerschaft: Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine) – ein 26-seitiges Dokument, das die direkte und umfassende Verstrickung der USA und der NATO in den Ukraine-Krieg offenlegt. Basierend auf über 300 Interviews mit Vertretern aus Regierungen, Militär und Geheimdiensten, darunter aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Polen, Belgien, Lettland, Litauen, Estland, der Türkei und der Ukraine, zeichnet Entous ein Bild, das die bisherigen Narrative der Biden-Regierung und westlicher Medien als Lüge entlarvt. Doch statt diese Enthüllungen als Skandal zu brandmarken, verpackt er sie in eine heroische Erzählung – ein moralisches Desaster, das den Tod Hunderttausender glorifiziert. Der Beitrag bedeutet eine tektonische Verschiebung – nicht, weil er neue Wahrheiten zutage fördert, sondern weil er die lange bekannten, aber medial verschwiegenen Tatsachen über die Rolle der USA im Ukraine-Krieg nun öffentlich legitimiert.
Was jahrzehntelang als „Verschwörungstheorie“ diffamiert wurde, wird jetzt zur offiziellen Heldensaga einer imperialen Kriegsmaschinerie umgedeutet. Wer den Artikel liest, hält nicht etwa eine investigativ-journalistische Aufarbeitung in der Hand, sondern eine moralisch enthemmte Propagandanarration – verfasst im Ton eines Hollywood-Drehbuchs, das den Tod von Hunderttausenden als notwendiges Opfer auf dem Altar amerikanischer Weltordnung verklärt. Der Artikel belegt auch, was kritische Analysten längst sagten: Die Ukraine ist kein eigenständiger Akteur in diesem Konflikt, sondern ein vollständig integrierter Satellit in einer „Kill Chain“, die von Washington über die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden bis an die russische Grenze reicht. Entous selbst schreibt, dass die Amerikaner nicht nur Waffen lieferten, sondern taktische Operationen planten, Zielkoordinaten lieferten, Angriffe steuerten und das Kommando faktisch ausübten. Ukrainische Generäle reisten regelmäßig ins US-Kommandozentrum nach Wiesbaden, wo die entscheidenden Schlachtpläne geschmiedet wurden. Das ukrainische Militär war – und ist – Exekutor einer westlich bestimmten Agenda.
Buchhaltung des Mordens
Doch statt dieses Eingeständnis mit der gebotenen Scham oder wenigstens Neutralität zu präsentieren, feiert Entous den massenhaften Tod junger Menschen als Beweis einer funktionierenden „Partnerschaft“. Besonders erschütternd: Die wiederholte Klage darüber, dass nicht genügend Ukrainer geopfert wurden. Man forderte – ganz offen – die Mobilisierung 18-jähriger Jungen für den Tod an der Front. Dass dieser Zynismus nicht einmal mehr verschleiert, sondern als strategische Vernunft verkauft wird, ist ein journalistischer Tiefpunkt – und ein moralischer Offenbarungseid.
Verteidigungsminister Austin wird zitiert, wie er bei einem Besuch in Kiew verwundert war, dass „so viele junge Männer in Zivil“ durch die Straßen liefen, anstatt an der Front zu sterben. General Cavoli mahnte: „Bringt eure 18-Jährigen ins Spiel.“ Das ist kein milder Rat. Das ist ein Befehl zur Menschenopferung. Und genau das ist die Schlüsselerkenntnis dieses Artikels: Die USA betrachten die Ukraine als Schlachtfeld ihrer eigenen geopolitischen Ambitionen – und die Ukrainer als entbehrliche Bauern im Spiel gegen Russland.
Entous schreibt von einem „Missverhältnis an Arbeitskräften“ – als ginge es um Fabrikproduktion, nicht um Menschenleben. Was wir lesen, ist nicht nur ein Eingeständnis einer tiefen operativen Integration – es ist eine entmenschlichte Bilanzierung von Toten, eine Buchhaltung des Mordens, in der junge ukrainische Leben als kalkulierbare Ressource betrachtet werden. Die Ukraine wurde unterworfen – militärisch, politisch und moralisch. Ihre Führung, wie der Artikel zwischen den Zeilen erkennen lässt, war nichts weiter als ein Ausführungsorgan westlicher Interessen. Und das alles wird in der New York Times nicht etwa angeklagt – sondern verklärt.
Koordinatoren des Krieges werden zu Halbgöttern
Erinnern wir uns: Im April 2022 lagen auf dem Verhandlungstisch in Istanbul greifbare Friedensvereinbarungen. Die russische Seite zeigte sich bereit, die Kämpfe einzustellen – bei gegenseitigen Sicherheitsgarantien und Neutralität der Ukraine. Doch der Westen wollte keinen Frieden. Boris Johnson reiste nach Kiew, um Selenskyj zum Rückzug aus den Verhandlungen zu bewegen. Der Krieg sollte weitergehen – und er ging weiter, weil die USA es wollten.
Die New York Times inszeniert das als geopolitisches Heldenepos. Doch was dieser Artikel eigentlich ist, ist das schriftgewordene Eingeständnis eines imperialen Verbrechens. Die USA haben diesen Krieg geplant, befeuert, eskaliert – und bis zur letzten ukrainischen Patrone geführt. Sie haben einen ganzen Staat zur Operationsbasis umfunktioniert. Sie haben Kinder und Alte zum Kanonenfutter gemacht. Und jetzt, da alles scheitert, weil Russland die strategische Oberhand gewinnt, versuchen sie, das Scheitern den Ukrainern in die Schuhe zu schieben – weil sie nicht „genug Männer opfern wollten“.
Wir stehen an einem zivilisatorischen Abgrund. Und Adam Entous hat ihn für das Weltarchiv kartografiert – nicht als Mahnmal, sondern als Kriegserzählung im Glanz amerikanischer „Führungsstärke“. Es ist ein Zeugnis, das bleiben wird. Und das uns später – in noch finstereren Tagen – den Maßstab liefern könnte, nach dem wir die Schuld bemessen. Was Adam Entous mit seinem Artikel in der New York Times enthüllt, ist nicht nur eine weitere Eskalationsstufe in der Erzählung eines „wohlmeinenden“ US-Imperialismus – es ist ein personifiziertes Tableau einer neuen Kriegsbürokratie, deren Protagonisten sich in einer Welt der Entgrenzung bewegen. Menschen wie General Christopher Cavoli, Verteidigungsminister Lloyd Austin, CIA-Schattenkrieger General Donahue und „Koordinatoren“ wie General Milley erscheinen in Entous’ Text nicht als Kriegsverantwortliche, sondern als strategische Überflieger, fast als Halbgötter einer modernen Kriegsreligion. Die Ideologie: Amerikanische Planung, ukrainisches Blut, geopolitischer Endsieg.
Dabei ist das Maß der Perversion an vielen Stellen geradezu greifbar. Nehmen wir General Cavoli, der sich laut Entous über das ukrainische Mobilisierungsalter von 27 Jahren beschwerte. Wörtlich wird er mit den Worten zitiert: „Bringt eure 18-Jährigen ins Spiel.“ Diese erschütternde Kaltschnäuzigkeit gegenüber menschlichem Leben spricht Bände über die innere Haltung jener, die sich „Verbündete“ nennen – aber ihre Partner wie Verbrauchsmaterial behandeln. Noch entlarvender ist eine andere Szene, die Entous beschreibt: Verteidigungsminister Lloyd Austin beobachtet bei einem Besuch in Kiew aus dem Fenster seines gepanzerten Fahrzeugs die jungen Männer in den Straßen – „zu viele von ihnen nicht in Uniform“, wie er feststellt. Der Subtext ist klar: Diese Männer, diese Söhne, Brüder, Studenten, jungen Väter – sie sollten nicht leben, sondern sterben. Für die USA. Für eine Strategie, die in Wiesbaden gezeichnet wurde, in Washington genehmigt, in Kiew ausgeführt. Die zynische Konsequenz? Wer nicht bereit ist, mehr Leiber zu opfern, versagt im Auge der Planer.
General einer CIA-Todeseinheit wird zur Schlüsselfigur
Und damit sind wir beim zweiten Strang der Entous’schen Erzählung, die schon ein Jahr zuvor angelegt wurde: In seinem Artikel über die seit 2016 verdeckten CIA-Operationen in der Ukraine – erschienen 2024 in der New York Times – hatte er bereits minutiös beschrieben, wie die USA über Jahre hinweg das ukrainische Militärsystem durchdrangen. Die CIA bildete Spezialkräfte aus, errichtete Geheimdienststrukturen mit „Schläferzellen“ in Russland, organisierte Attentatsversuche und Sabotageakte tief im feindlichen Gebiet – alles im Vorfeld der „russischen Aggression“. Das Eingeständnis: Die „militärische Spezialeinheit“, die heute tötet, wurde von der CIA aufgebaut, geschult und mit tödlicher Intelligenz versorgt – noch bevor ein russischer Soldat ukrainischen Boden betreten hatte.
Diese doppelte Artikellinie – erst die CIA-Offensive, dann die operative Kill-Chain – macht eines klar: Was Entous beschreibt, ist keine spontane Antwort auf russisches Handeln, sondern ein lang geplantes Szenario, in dem die Ukraine das perfekte Versuchslabor darstellte. General Donahue, ein Mann, der aus geheimen CIA-Todeseinheiten stammt und in Syrien, Afghanistan und Libyen „Zielpersonen eliminierte“, wurde an die Spitze der ukrainischen Kommando-Verbindung gestellt. Ein Mann, der gelernt hat, wie man ganze Staaten destabilisiert, wurde zur Schlüsselfigur eines „demokratischen Verteidigungskampfes“. Das ist keine Realsatire – das ist tödlicher Zynismus. Entous konstruiert dabei ein groteskes Heldensystem. General Milley, der bei einem Treffen in Ramstein den ukrainischen Generälen sagte: „Das sind eure Leute. Ihr müsst mit ihnen zusammenarbeiten.“ – wird im Artikel nicht als Befehlshaber dargestellt, sondern als diplomatischer Mentor. Aus einem Zwang wird ein Vertrauensbekenntnis gemacht. Die Hierarchie wird mit der warmen Rhetorik einer Kameradschaft übertüncht, die in Wahrheit nie existierte. Die Ukrainer durften wählen – zwischen Ausführung oder Isolation.
Materiallager für die westliche Waffenindustrie
Interessant ist, wie selektiv Entous seine ukrainischen Protagonisten wählt. Drei Namen tauchen auf: Verteidigungsminister Oleksij Resnikow, der inzwischen wegen Korruption entlassen wurde. General Syrsky, der unter Soldaten als „Blutgeneral“ gefürchtet ist, weil er in Bachmut tausende Männer opfern ließ. Und General Mykhailo Zabrodskyi – laut Artikel der zentrale Verbindungsmann zu den Amerikanern. Diese drei erscheinen wie Staffagefiguren, Platzhalter, deren einzige Funktion darin besteht, den amerikanischen Willen umzusetzen. Sie sprechen nicht – sie empfangen. Und das wird als „Partnerschaft“ verkauft. Der vielleicht erschütterndste Moment im Text aber ist der Moment des Dankes. General Donahue dankt den Ukrainern – nicht etwa für politische Standfestigkeit oder militärische Tapferkeit, sondern dafür, dass sie ihr Blut vergossen, damit amerikanische Taktiken verfeinert, neue Waffen getestet, operative Schlüsse gezogen werden konnten. „Dank euch“, so Donahue, „haben wir Dinge geschaffen, die wir allein nie hätten schaffen können.“ Das ist der wahre Kern dieses Krieges: ein imperialer Feldversuch mit echtem Blut.
Die Ukraine als lebendiges Schlachtfeld für Pentagon-Strategen, als Materiallager für die westliche Waffenindustrie, als Bühne für ideologisch aufgeladene Narrative eines „freiheitlichen“ Krieges gegen das „Böse“. Und all das wird durch eine Zeitung legitimiert, die sich einst dem investigativen Journalismus verschrieben hatte. Die New York Times ist nicht nur Mitwisserin – sie ist Mitgestalterin eines historischen Betrugs, bei dem der geopolitische Zynismus zur humanitären Tugend erklärt wird. Am Ende bleibt ein Gefühl der Leere – und eine Warnung. Denn was Entous beschreibt, ist nicht das Ende einer Episode, sondern der Auftakt für neue Konflikte. Die amerikanische Kriegsmaschinerie hat gelernt, wie man fremde Nationen zerschlägt, ohne selbst Truppen zu verlieren. Und sie hat gelernt, wie man das moralisch rechtfertigt: Mit Hollywood-Narrativen, NATO-Flaggen – und dem nächsten Artikel in der New York Times.
Titelbild: Tada Images/shutterstock.com