Wichtige politische Schriften gibt es viele, aber nur wenige sind auf so pointierte Weise erkenntnisfördernd wie Rudolph Bauers „Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus“. In seinem vier Hefte umfassenden Werk unternimmt Bauer den Versuch, Licht ins Dunkel der zeitgeistigen neoliberalen Verwirrstrategien zu bringen, deren Sinn und Zweck in einer dauerhaften Verankerung einer Herrschaftsform besteht, die Bauer als Bunter Totalitarismus bezeichnet. Auffallend ist die Vielfalt der neo- und postliberalen Verwirrstrategien, zu denen inzwischen auch Strategien der militaristisch-kriegslüsternen Art gehören. Allein die schiere Menge der vom Autor zu den diversen Erscheinungsformen gesammelten Stichpunkte lässt erahnen, wie tief der buntschillernde Totalitarismus schon in unser Leben eingedrungen ist. Eine Rezension von Magda von Garrel.
Allerdings hat sich diese Entwicklung weitgehend unbemerkt vollzogen, weil der in einem schicken neuen Gewand auftretende Totalitarismus vorgibt, in unser aller Interesse zu handeln und sich neben dem Schutz vorgeblich unterdrückter Minderheiten in ganz besonderem Maße um unsere Gesundheit und Sicherheit kümmern zu wollen.
Mit seinem alphabetisch geordneten Wörterbuch hat es sich Bauer zur Aufgabe gemacht, den wahren Kern der in aller Regel menschenfreundlich klingenden Absichten zu enthüllen. Dabei beginnen die jeweiligen Klarstellungen oft schon mit den vom Autor vorgenommenen begrifflichen Definitionen, denen unterschiedlich lange, aber immer gut recherchierte und mit Quellenangaben versehene Artikel folgen. Etliche dieser Artikel lesen sich spannend wie ein Krimi, was auch damit zusammenhängen mag, dass sie häufiger eher unbekannte und damit überraschende Details enthalten.
Die kennzeichnenden Bestandteile des Bunten Totalitarismus beschreibt Bauer wie folgt: „Systemisch basiert der Bunte Totalitarismus auf Elementen der Scheindemokratie, der digitalen Überwachung, des sich „freiwillig“ gleichschaltenden Mainstream-Journalismus, der multikulturellen Schein-Vielfalt sowie des Unterdrückens von sozialem und politischem Widerstand durch Polizeigewalt, die Berufung auf Experten (follow the science) und eine herrschaftskonforme Justiz. … Ein besonderes Merkmal des Bunten Totalitarismus ist seine globale Dimension in Gestalt sowohl politischer als auch politikübergreifender Verbindungen sowie von Stiftungen, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen.“
Damit sind bereits alle wesentlichen Bereiche genannt, denen die Stichworte des Wörterbuchs zuzuordnen sind. Inhaltlich geht es beispielsweise um Corona, Klima, Umwelt, Bildung, Korporatismus, Gemeinnützigkeit, NGOs, KI, Transhumanismus, Eugenik, Wokeness, Meldestellen, Prebunking und immer wieder auch um militärische Strategien.
Wegen der derzeitigen Kriegsbesoffenheit soll auf den letztgenannten Punkt etwas ausführlicher eingegangen werden. So erfahren wir unter dem Stichwort „Operationsplan Deutschland“, dass dieser im Juli 2024 von Generalleutnant André Johannes Bodemann vorgestellt worden ist und darauf abzielt, Deutschland zu einer „Host Nation“ für Streitkräfte und Organisationen der NATO/EU zu machen, die sich auf deutschem Hoheitsgebiet oder im Transit durch Deutschland befinden.
Wie „entgegenkommend“ sich Deutschland in militärischer Hinsicht schon viel früher gezeigt hat, ergibt sich aus Bauers Darstellung des „Rahmennationenkonzepts“ mit der englischen Abkürzung FNC (für Framework Nations Concept): „Tarnungswort für europäische Militarisierung (und „stille“ Nato-Erweiterung) unter deutscher Führung; das FNC wurde 2014 beim Nato-Gipfel in Wales auf deutsche Initiative hin verabschiedet. Es soll bezwecken, dass eine große „Anlehnungsmacht“ – wie z.B. die BRD – einen Rahmen für die Zusammenarbeit mit kleineren europäischen Streitkräften bietet, indem militärische Ressourcen zusammengeführt, gemeinsam geplant und beschafft werden.“
Bauer beschäftigt sich aber nicht nur mit aktuellen und zeitgeschichtlichen Gegebenheiten, sondern deckt darüber hinaus diverse totalitäre Verbindungslinien auf. Dabei hat er vor allem die (von ihm manchmal als „brauner Totalitarismus“ oder „Retrofaschismus“ bezeichnete) NS-Zeit im Blick. Speziell in diesem Zusammenhang wendet sich Bauer dem Werdegang einzelner Personen zu, wobei ein besonders langer Artikel den bekanntesten Mitgliedern der Familie von Weizsäcker gewidmet ist.
Rudolph Bauers Wörterbuch ist im besten Sinne des Wortes multifunktional. Es kann wie ein klassisches Lexikon benutzt werden, wenn man sich beispielsweise schnell über die wahre Bedeutung und/oder den tatsächlichen Hintergrund bewusst schwammig gehaltener Begriffe informieren möchte. Darüber hinaus gibt es viele weitere Nutzungsmöglichkeiten, die der Autor bereits in seinem ersten Vorwort selbst aufgelistet hat: „Das Wörterbuch kann das Lesen vieler Bücher überflüssig machen. Die Beiträge und das Literaturverzeichnis können aber auch zum Anlass genommen werden, sich eingehender mit der jeweiligen Thematik zu beschäftigen. Überhaupt mögen die Stichwort-Artikel dazu anregen, sich mit dem einen oder anderen Gegenstand gründlicher auseinanderzusetzen, selbst zu recherchieren und vertieft in die Thematik einzudringen.“ Ergänzend sei hinzugefügt, dass die vielfach eingefügten Querverweise diese Art des Umgangs mit dem Wörterbuch sehr erleichtern dürften.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es Rudolph Bauer mit seiner als Wörterbuch angelegten Schriftenreihe gelungen ist, den totalitären Charakter der vielfach mit einem bunten Anstrich versehenen politischen Umformungsprozesse aufzudecken. Die Fülle der uns vom Autor gewährten Einblicke in die zugehörigen Ränkespiele ist so überwältigend, dass das Werk von jedem politisch interessierten Leser wie eine Schatztruhe genutzt werden kann. Kurzum: Ein sehr empfehlenswerter Beitrag zum besseren Verständnis des von der Politik und vielen anderen Institutionen unterstützten Versuchs einer globalen und menschenverachtenden Machtergreifung.
Rudolph Bauers vierteiliges „Kritisches Wörterbuch des Bunten Totalitarismus“ ist im pad-Verlag erschienen und dort erhältlich unter [email protected].