Mehr als 20.000 Menschen sind seit Anfang März in den Libanon geflohen. Nach Angaben des UN-Hilfswerks für Flüchtlinge (UNHCR) kamen seit den Massakern im syrischen Küstengebiet 21.637 Schutzsuchende in den Zedernstaat. Es handelt sich demnach um 4.493 syrische und 393 libanesische Familien, die im Norden des Landes, in den Provinzen Akkar und Hermel, entlang der Grenze zu Syrien untergebracht sind. Von Karin Leukefeld.
Die Menschen kommen nach Angaben des UNHCR weiterhin täglich aus den Provinzen Tartus, Latakieh, Homs und Hama in den Libanon, es handele sich um eine Zahl im „unteren Hundertbereich“, heißt es in einer Erklärung der Organisation am 21.3.2025. Viele der Schutzsuchenden zögen weiter nach Jabal Mohsen bei Tripoli. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) spricht von 1.447 Familien, die sich dort niedergelassen hätten. Allein in der Provinz Akkar leben den Angaben zufolge 3.126 Familien (14.108 Personen) und seien in fünf Orten untergebracht.
Zwei der Orte, Massaoudiye und Hokr ed-Dahri, liegen nördlich von Akkar Halba, einer Kleinstadt, die etwa 15 km von der syrischen Grenze entfernt liegt. Akkar ist eine arme, landwirtschaftlich geprägte Provinz. Viele Menschen sind Bauern und Schäfer, der Boden ist fruchtbar. Die Nähe zu den hohen libanesischen Bergen, die selbst Mitte März noch mit Schnee bedeckt sind, garantieren dem Gebiet reichlich Wasser. Seit Jahrzehnten leben in den Dörfern von Akkar syrische Landarbeiter, die aus dem Gebiet von Salamiyeh kommen. Seit Beginn des Syrienkrieges (2011) sind noch tausende syrische Flüchtlinge hinzugekommen, die von den Vereinten Nationen – inzwischen mit monatlichen Geldzahlungen – versorgt werden.
Neue Flüchtlinge im Libanon
„Nun haben wir neue Flüchtlinge aus Syrien“, sagt Kamel Mansour von der Libanesischen Volkssolidarität Al-Najda. Das Büro der Organisation liegt in Halba in der Provinz Akkar. Hier wird für die Bevölkerung medizinische Hilfe angeboten, viele der Aktiven der Organisation sind Ärzte. Nach einer langen Planungsphase ist jetzt der Bau eines Krankenhauses geplant. Al Najda wirbt international um Unterstützung.
Mit den vielen Flüchtlingen, die vor den Massakern aus den syrischen Küstengebieten geflohen sind, steht eine neue Aufgabe an. „Wir fanden sie in Häusern in den Dörfern entlang der Grenze, wo sie gar nicht genug Platz zum Schlafen haben“, berichtet Kamel Mansour, der Vorsitzende der Organisation in Halba. Die Vereinten Nationen und andere, private Hilfsorganisationen hätten bisher nichts unternommen. Von Medecins du Monde habe man gehört, dass sie eine mobile Klinik bereitstellen wollten.
Najda habe mit Hilfe örtlicher Bürgermeister eine erste Übersicht erstellt, was benötigt wird. „Sie brauchen Essen, Zelte, Matratzen, Decken und müssen medizinisch versorgt werden“, zählt er auf. Man sammele Geld, um Lebensmittel zu kaufen und Hilfspakete zusammenzustellen, die mit Hilfe des Bürgermeisters von Massaoudiye an die Familien verteilt werden sollen. Er wisse, dass manche Libanesen unruhig seien und befürchteten, dass die Gewalt auch in den Libanon überschwappen könne. Doch in Halba und Umgebung sehe man dafür keine Anzeichen, fährt Mansour fort. „Wir haben die Libanesische Armee in der Region, sie wird das verhindern.“ Auf die Frage, ob die Brüsseler Geberkonferenz für Syrien und die Region – die am gleichen Tag stattfindet – auch die neuen syrischen Flüchtlinge im Libanon in ihre Hilfsprogramme einbeziehen werde, winkt Herr Mansour ab. Er wolle nicht über Politik reden, sagt er. „Wir haben viel zu tun.“
Wenig später ist Kamel Mansour mit einem Mitarbeiter auf dem Weg nach Massaoudiyeh, um dort über die notwendige Hilfe zu sprechen, die sie vorbereitet haben. Langsam fährt er mit seinem Wagen voraus. Hamza, der die Autorin im Libanon begleitet, folgt ihm mit dem eigenen Wagen. Eine gute Gelegenheit, die Lage vor Ort mit eigenen Augen zu sehen.
Die grüne Grenze zur Sicherheit
Der Bürgermeister heißt Mohamed Ayash und erklärt sich sofort bereit, die Autorin in das Dorf Hokr ed-Dahri zu begleiten. Hier fließt der Große Fluss, der Nahr El Kebir, der die syrisch-libanesische Grenze markiert. Die Menschen kämen weiter täglich über den Fluß, erklärt der Bürgermeister, der im Arabischen Muchtar genannt wird. 650 Familien hätten sie in den vergangenen 10 Tagen registriert. In den ersten Tagen sei auf der syrischen Seite manchmal auf die Flüchtenden geschossen worden. Jetzt sei alles ruhig.
Hokr ed-Dahri, Akkar Nordlibanon. Syrische Landarbeiterin aus Salamieh. Ihre Familie arbeitet seit Jahrzehnten auf libanesischen Feldern.
Die schmale Straße schlängelt sich durch Felder, mit Plastikplanen abgedeckte Tomatenbeete und Olivenhaine. Dazwischen gut befestigte Zeltanlagen, in denen die syrischen Landarbeiter wohnen, wie der Ayash erklärt. Eine Frau erfrischt sich an Wasser, das wie eine Dusche aus einem aufgerichteten Rohr herunterfällt. Das kräftig fließende Nass sammelt sich zu einem kleinen See und fließt dann durch einen schmalen Kanal auf die Felder. Kurz vor einer alten Brücke biegt die Straße ab und führt in den Ort Hokr ed-Dahri. Normalerweise wäre die Grenze über die Brücke leicht zu überqueren, doch ein Gitter mit Stacheldraht blockiert den Durchgang.
In Hokr ed-Dahri herrscht reges Treiben. Menschen laufen hin und her, Gepäck wird in Autos verstaut, ein Straßenhändler bietet Obst, Wasser und Süßigkeiten zum Verkauf. Die Menschen wirken müde, fotografiert werden möchte niemand. Zu Fuß geht es bis zu der schmalen Furt, durch die die Menschen aus Syrien herüberkommen. Frauen werden getragen, die Männer und Kinder krempeln die Hosenbeine hoch, ziehen Schuhe und Strümpfe aus und waten durch das seichte Wasser. Es ist eine grüne Grenze, im wahrsten Sinne des Wortes. Vom nördlichen Ufer erstreckt sich fruchtbares Ackerland nach Syrien hinein. Doch die Ruhe trügt.
In einem Haus unweit der Furt leben mehr als 40 Menschen, sagt der Bürgermeister und lädt die Autorin ein, mit den Menschen zu sprechen. Zwei junge Rechtsanwälte erklären sich bereit, von dem zu sprechen, was sie erlebt haben. Einfach ist das nicht.
Berichte von Augenzeugen
Rami (der Name ist geändert) ist 38 und stammt aus Tartus. Einige Tage vor dem 7. März seien seine Schwiegereltern zu ihm und seiner Frau nach Tartus gekommen. Sie seien aus Homs gekommen, wo sie sich nicht mehr sicher fühlten. Jeden Tag sei jemand getötet oder verschleppt worden. Am 7. März in den frühen Morgenstunden hörten sie dann schweres Gewehrfeuer in der Umgebung ihres Hauses in Tartus. Sie verließen sofort das Haus, um zum Nahr el-Kebir, dem Grenzfluß zum Libanon zu fliehen. Auch die Familie seiner Frau kam mit ihnen.
Nun lebten sie mit 10 Familien in einem Haus in Hokr ed-Dahri, berichtet Rami. Seine Familie, die Familie seiner Frau und acht weitere Familien. Sie seien 43 Personen, alle in einem Haus. Das Haus seiner Schwester in Banias sei angezündet worden. Ebenso das Haus der Eltern von deren Ehemann. Der Cousin des Ehemanns seiner Schwester habe eine Apotheke in dem Haus gehabt, auch die sei angezündet worden. Alle Nachbarn seiner Schwester seien getötet worden. Im Dorf Karto, wo (die Schwester) gelebt habe, habe es eine Qunaitra-Straße gegeben, berichtet Rami: „Wissen Sie? Benannt nach Qunaitra auf den Golan-Höhen.“ Auf dieser Qunaitra-Straße habe man 14 Leichen gefunden. Alle Häuser dort seien geplündert und zerstört und dann angezündet worden. Ab und zu unterbricht sich der Mann und zeigt Videos, um seine Angaben zu bestätigen. Einige stammen von ihm, andere von seiner Schwester und Bekannten.
Entlang der Autobahn nach Tartus habe es viele Tote gegeben. Die Täter gehörten den Milizverbänden Amjad und Hamzal an, sie stammten aus dem Norden Syriens, das habe man an deren Sprache, am Dialekt erkannt. Sie beschimpften die Menschen als „Schwein“ oder „Hund“. Sie töteten jeden, der ihnen unter die Augen kam. Die Leichen ließen sie auf den Straßen liegen. Sein Schwager, der Mitarbeiter des Welternährungsprogramms WFP sei, habe sich rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Doch ein Mitarbeiter der UNRWA, des UN-Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge, sei in Banias getötet worden.
Am 10. März seien Journalisten in ihre Unterkunft in Hokr ed-Dahri gekommen und hätten Interviews gemacht. Sie sagten, sie seien von Al Arabiya gewesen, doch ihr Mikrophon habe kein Logo gehabt. Später habe er einen Bericht gesehen, in dem es hieß, die Toten seien ehemalige Offiziere der syrischen Armee gewesen (die aufgelöst wurde, KL). Was aber er und andere wüssten, manche selbst gesehen und den Journalisten auch gesagt hätten, sei, dass die Toten Zivilisten und unbewaffnet waren.
Auf die Frage, ob er sich nach dem Ende der Assad-Regierung vorgestellt habe, dass so etwas passieren könne, antwortet Rami, nie habe er erwartet, dass so etwas passieren könne. Die frühere Opposition habe doch Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit gefordert, dafür wollten sie doch die Revolution machen. Nun habe man gesehen, dass das Gegenteil geschehen sei. 90 Prozent der Syrer hätten ihre Arbeitsstellen verloren. Dann sagt er: „Bei uns im Gericht in Tartus wurden Richter entlassen und zwei islamische Scheichs nahmen den Vorsitz ein. Unser Recht gilt nicht mehr, jetzt soll das islamische Recht gelten. Früher habe ich als Anwalt in ganz Syrien gearbeitet. In Damaskus, Aleppo, Qamischly und Deir Ez-Zor. Nie habe ich dabei Probleme gehabt, egal wohin ich kam. Alles war sicher.“ Nun aber gäbe es keine Sicherheit mehr, keine Arbeit, man könne sich nichts mehr zu Essen kaufen. Ob er zurückkehre, wisse er nicht. Auf keinen Fall jetzt, wo alles unsicher und unklar sei. Er wolle nach Beirut und sich nach Arbeit umschauen.
Auch Bassil (Name geändert) ist Anwalt, er stammt aus Banias und ist 30 Jahre alt. Anfangs seien die HTS-Leute freundlich und höflich gewesen, erinnert er sich. Sie hätten versucht, Vertrauen aufzubauen. Einer der verantwortlichen Emire kam offenbar aus Pakistan und erklärte den Bewohnern von Banias und Tartus, sie sollten so weiterleben wie bisher. Aber dann seien Leute verschwunden und am Morgen habe man sie tot aufgefunden. Die Bevölkerung habe Angst bekommen. Die neuen Machthaber fingen an, über Religion zu sprechen, und sagten, dass ihre Religion schlecht sei: „Sie haben uns beschimpft, als Ungläubige. Sie haben befohlen, die Kinder in die Moschee zu bringen, um sie neu zu unterrichten. Die Kinder hatten Angst.“
An diesem 7. März sei in der Moschee von Banias zum Heiligen Krieg gegen Alawiten und Christen aufgerufen worden. In Banias sei der Vater eines Priesters getötet worden, viele Bewaffnete kamen in die Stadt und fuhren auch nach Tartus. Die Menschen seien in die Berge geflohen, in die Wälder und hätten versucht, sich zu verstecken. Die Bewaffneten riegelten die Region zwischen Jablah, Banias und Tartus ab, trieben die Menschen aus ihren Häusern und hätten sich selber dort einquartiert. Andere Häuser seien geplündert und angezündet worden.
Bassil floh mit seiner Familie, mit seiner Verlobten und der Familie seiner Verlobten. Er wisse noch nicht, wie es weitergehen könne. Ob sie im Libanon bleiben oder in Länder gehen könnten, wo man sie freundlich aufnehmen würde? Irak vielleicht? Die Türkei? Oder Europa? „Wir suchen Unterstützung, Hilfe, damit das, was uns geschehen ist, an die Öffentlichkeit kommt“, sagt er mit Nachdruck. „Dass man unsere Stimmen hört.“ Er habe von vielen gehört, dass sie sich wünschten, die UNO würde sie und die Küstenregion schützen. Aber ob das möglich sei, wisse niemand, und es sei jetzt so, dass die Region unsicher sei und die Familien in Gefahr. „Wir brauchen Hilfe in allen Dörfern, in allen Städten und in Banias. Wir brauchen Hilfe. Bitte helfen Sie uns!“
Er habe gehört, dass es in Deutschland und in Europa Demonstrationen gegen die Massaker gegeben habe. Vielleicht könne er mit seiner Verlobten nach Europa gehen, als Flüchtlinge? Aber er habe gehört, dass man auch dort ihre Religion nicht möge. Bassil zuckt mit den Schultern: „Sie sagen, wir hätten Assad unterstützt, weil er die gleiche Religion hat wie wir. Aber die meisten Leute, die Assad unterstützten, waren Sunniten.“
Titelbild / Bilder: © Karin Leukefeld